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Ein Radjournal von Brügelmann

Simon Geschke im Anstieg mit viel Schnee
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Über Stürze, die Tour und Mountainbikes: Simon Geschke im Interview

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Über Stürze, die Tour und Mountainbikes: Simon Geschke im Interview

Brügelmann-Botschafter Simon Geschke geht morgen mit seinem neuen Team CCC erneut auf die Jagd nach Etappensiegen in Frankreich. Wir nutzten die Ruhe kurz vor dem Sturm für ein paar Fragen an ihn.

redaktion 5. Juli 2019 11 min.

Die große Frankreich-Rundfahrt zieht wieder drei Wochen lang die Blicke der gesamten Radsportwelt auf sich. Der Startschuss fällt morgen, am 6. Juli 2019 in Brüssel. Mit dabei: elf Deutsche Radsportprofis – einer von ihnen ist unser Brügelmann-Botschafter Simon Geschke.

Für Simon ist in diesem Jahr vieles neu. Er wechselte zum polnischen CCC Team, vormals bekannt als BMC Racing Team, das nun unter der Flagge des polnischen Schuh- und Taschenherstellers agiert. Zum ersten Mal in seiner Karriere als Radsportprofi steht er für ein neues Team am Start. Ihr habt richtig gelesen – seit ein paar Tagen ist es amtlich: Auch Simon darf in wenigen Tagen für sein neues Team bei der großen Frankreich-Rundfahrt auf die Jagd nach Etappensiegen gehen. Dabei war eine Tour-Teilnahme zu Saisonbeginn noch fraglich. Denn Simon musste bereits zwei schwere Stürze mit Knochenbrüchen und entsprechend langer Zwangspause verdauen. Umso mehr freuen wir uns, dass unser Botschafter wieder fit ist. Wir nutzten die Ruhe kurz vor dem Sturm für ein paar Fragen an dem sympathischen Rennfahrer.


BB: Simon, die klassische Frage vorweg: Wie bist du eigentlich zum Radfahren gekommen?

Simon Geschke im neuen Team CCC Outfit
(c) Sirotti

SG: Ich erzähl mal die Kurzfassung. Das Ganze passierte über meinen Vater. Der war früher Bahnfahrer, was natürlich eine andere Sparte war. Nach seiner Karriere ist er viel Mountainbike gefahren, rein aus Spaß und er fährt euch heute noch Rad. Als ich klein war, sind wir jedenfalls auch gemeinsam Mountainbike gefahren. Er fuhr damals auch noch ein paar Rennen und hat mich einfach mal mitgenommen – es dauerte nicht lange, bis ich mich auch mal am Racen versuchte. So kam dann eins zum anderen. Die Mountainbike Geschichte war allerdings noch mehr aus Spaß. Als ich dann allerdings doch ein bisschen Talent zu Tage förderte, schickte mich mein Vater zu seinem alten Verein nach Berlin. Dort ging es richtig los und wurde auch seriöser, mit Trainingsplänen und so. Das war im Grunde der Schritt zu dem, was ich jetzt mache.

BB: Wie kam der Übergang zustande? Mountainbike und Rennrad sind ja meistens doch deutlich voneinander getrennt?

SG: Mit dem Mountainbike bin ich eigentlich keine großen Rennen gefahren, von 12 bis 14 ein paar in der Nachwuchs-Altersklasse. Für mich war eigentlich immer klar, dass ich mehr Straßenfahrer sein wollte – durch diesen Radsportboom mit Jan Ullrich, 1997. Ich war damals 12, zu der Zeit ging das alles los bei mir mit der Radfahrerei. Es war also immer in meinem Hinterkopf, dass ich eigentlich Straßenfahrer sein will. In meinem ersten Verein wurde ich natürlich auch auf der Bahn getestet, weil mein Vater ja Bahnfahrer war. Im Grunde bin ich also damals drei Disziplinen gefahren, auf der Straße habe ich mich aber immer am wohlsten gefühlt.

BB: Wie war dann der Schritt zum Profi?

SG: Das war eigentlich von Anfang an immer mein großes Ziel: Profi zu werden. Darauf habe ich immer hin gearbeitet. Die Zeit in der U23 war ein bisschen schwierig, weil ich nebenbei ja noch das mit der Schule hinkriegen musste. Es war also nicht immer nur Spaß, zu der Zeit, als ich in Berlin die ganzen Nachwuchsstationen durchlaufen bin. Ich war damals in einem Amateurteam, für das ich die U23 Rennen gefahren bin. Darüber habe ich mich irgendwann auf Bundesligarennen für die Nationalmannschaft empfohlen. Über den BDR hatte ich auch internationale Einsätze. So ging es Schritt für Schritt voran. Die Profiteams haben natürlich nach den Nationalfahrern geguckt, die gut sind. So bin ich zu meinem ersten Team Skil-Shimano gekommen. Im Grunde war es wie ein fließender Übergang, an dessen Ende ich dann die Chance bekam, bei Skil-Shimano zu fahren.

Die Zeit, die man zu Hause ist, ist man im Grunde sein eigener Chef. Klar muss man trainieren, aber man kann sich aussuchen, ob man um 8 aufs Rad geht oder lieber erst nachmittags. Das genieße ich sehr.

BB: Also hast du dein Ziel erreicht. Jetzt wo du Profi bist: Was ist denn das Beste daran?

SG: Erst morgens um 10 Uhr den ersten Termin zu haben! Im Ernst: Es hat viele Vor- und Nachteile, wie jeder Beruf. Ein Vorteil ist aber sicher, wie ich eben schon angedeutet habe, dass man sich seinen Tag frei einteilen kann. Wenn man, wie ich jetzt gerade, von der Tour de Suisse kommt, mache ich zum Beispiel erstmal drei Tage locker und fahre nicht sofort harte Trainingsblöcke. An solchen Tagen kann man dann auch mal dies und das erledigen. Die Zeit, die man zu Hause ist, ist man im Grunde sein eigener Chef. Klar muss man trainieren, aber man kann sich aussuchen, ob man um 8 aufs Rad geht oder lieber erst nachmittags. Das genieße ich sehr. Natürlich kommt man auch viel rum. Zwar nicht unbedingt an die ultimativen Urlaubsziele, aber die Reiserei macht mir auch immer Spaß.

simon Geschke im rennen 2019 mit das Team CCC
(c) corvos

BB: Was macht dir dagegen am wenigsten Spaß?

SG:Dieses Jahr bin ich zweimal schwer gestürzt. Das versucht man natürlich immer zu vermeiden, aber das bleibt nicht aus. Jeder stürzt in seiner Karriere mal ziemlich schwer. Das ist natürlich kein großer Vorteil, dass man seine Gesundheit aufs Spiel setzt und definitiv etwas, das mir nicht so viel Spaß macht. Stürze fahren immer irgendwie im Hinterkopf mit. Aber ich denke, das geht auch Hobbyfahrern so. Ein anderer Nachteil ist, dass das soziale Leben ein wenig unter dem Job leidet, wenn man so viel unterwegs ist. Grob die Hälfte des Jahres bin ich ja unterwegs. Dass man so wenig zu Hause ist, das ist natürlich nicht immer einfach. Ich habe die Reiserei zwar schon als Vorteil genannt, manchmal will man aber auch einfach nur zu Hause bleiben. Das ist die Kehrseite der Medaille. Natürlich gibt es auch mal Rennen, auf die man nicht so viel Lust hat, das kommt auch mal vor. Wenn man zum Beispiel von einer Rundfahrt kommt und wenige Tage drauf schon wieder los muss. Aber dann muss man halt trotzdem, denn wir sind ja auch ganz normal in einem Angestelltenverhältnis.

BB: Hast du eine Idee, wie dein Leben aussehen würde, wenn du nicht Profi geworden wärst? Gibt es einen Alternativplan oder etwas Anderes, für das dein Herz schlägt?

SG: Nee, eigentlich gar nicht. Ich frage mich das manchmal selbst auch. Nach dem Abitur habe ich zuerst mal Zivildienst gemacht und weil ich noch nicht in der Nationalmannschaft war, ging ich später noch zur Bundeswehr in die Sportfördergruppe. In der U23 habe ich alles auf die Radsportschiene gesetzt und nichts anderes angefangen. Wäre ich dann nicht Profi geworden, hätte ich mit 23 wohl angefangen zu studieren. Ich kann aber noch nicht einmal sagen, was ich studiert hätte [lacht]. Das hätte sich dann schon irgendwie ergeben. Ich hätte mich auf jeden Fall neu orientieren müssen. Ich war mir aber schon ziemlich sicher. Das ist bei mir immer so. Ich schmiede ungern Pläne für in drei oder vier Jahren. Jetzt gerade weiß ich auch nicht, was ich nach meiner Radsportkarriere machen werde. Ich lasse es einfach auf mich zukommen.

Der größte Unterschied ist eigentlich, dass das Team CCC viel internationaler ist […] Jetzt ist es eine bunt gemischte Gruppe mit Polen, Italienern, Amerikanern, Belgiern – das finde ich eigentlich sehr schön.

BB: Du hast gerade einen Teamwechsel hinter dir und bist jetzt im CCC Team, vorher warst du für Sunweb unterwegs. Fühlst du dich wohl im neuen Team? Was ist anders?

SG: Das CCC-Team an sich war total im Umbruch und natürlich sind nun völlig andere Menschen um mich herum. Es ist eine komplett neue Gruppe von Fahrern. Aber natürlich ist auch nicht alles anders. Jedes Team ähnelt sich irgendwie vom Training, vom Aufbau, von den Abläufen. Jedes Team hat seine Trainer, Köche und sportlichen Leiter. Mir gefällt die Arbeitsweise bei CCC aber sehr gut und ich fühle mich sehr wohl. Der größte Unterschied ist eigentlich, dass das Team viel internationaler ist, als Sunweb. Dort war im Grunde der komplette Staff holländisch. Jetzt ist es eine bunt gemischte Gruppe mit Polen, Italienern, Amerikanern, Belgiern – das finde ich eigentlich sehr schön.

Simon Geschke vor dem CCC Team Wagen bergauf
© Cauldphoto

BB: Du hast es gerade schon angesprochen: Deine Saison verlief bisher durchwachsen, du hattest schwere Stürze mit Knochenbrüchen. Wie gehst du mit so etwas um und wie bekommst du das wieder aus dem Kopf?

Nach so einem Bruch musst du eine Pause machen. […] Wieder in diese typische Rennhektik reinzukommen, da sagt der Kopf erstmal „nee“ …

SG: Nach so etwas fühle ich mich natürlich im Feld erstmal nicht mehr so gut. Nach so einem Bruch musst du eine Pause machen. Wenn du dann nach sechs Wochen zurück kommst, kannst du dich logischerweise nicht sofort zurück in den Rennbetrieb begeben. Das hemmt mich schon total. Wieder in diese typische Rennhektik reinzukommen, da sagt der Kopf erstmal „nee“ und ich fühle mich gar nicht wohl. Man ist dann immer der erste der bremst, ich hatte das jetzt bei der Kalifornien-Rundfahrt. Es geht Schritt für Schritt. Es dauert eine ganze Weile, bis man sich mental von so etwas erholt hat, gerade wenn es so ein Highspeed-Sturz war, wie ich ihn hatte. Jetzt bei der Tour de Suisse lief es schon wieder ein bisschen besser. Ich hoffe, dass es jetzt bei der Tour weiter bergauf geht. Für Sportler ist sowas immer richtig bitter, wenn du den ganzen Winter gut durchgekommen bist, und dann passiert so etwas. Ich bin froh, dass es jetzt wieder bergauf geht.

BB: Du hast es gerade schon angedeutet: Du fährst bei der Tour de France mit!

SG: Ja, es steht nun auch offiziell fest. Geplant haben wir es aber bereits im Winter. Deswegen bin ich auch den Giro nicht gefahren. Wir wollten ein offensives Team zur Tour schicken und da bin ich ja eigentlich prädestiniert für, wenn ich gute Form habe. Von daher stand ich dafür schon eine ganze Weile fest. Es gibt natürlich immer ein paar Wackelkandidaten, aber da gehörte ich zum Glück nicht dazu.

BB: Du ernährst dich vegan – auch während der Tour?

SG: Ja, da achte ich sehr drauf. Ich bin sehr überzeugt davon und mache das jetzt seit drei Jahren. Letztes Jahr bin ich eine super Tour damit gefahren und auch schon diverse andere Grand-Tours. Das funktioniert für mich sehr gut. Man muss natürlich als Leistungssportler, wie bei jeder anderen Ernährung auch, auf Vieles achten. Aber wir haben ja eigentlich immer einen Koch dabei. Das macht Vieles sehr viel einfacher. So ist man nicht den Hotels ausgeliefert. Die haben natürlich was das angeht nur begrenzte Optionen. So gesehen ist es eigentlich ziemlich easy. Ich wollte das damals ausprobieren und war letztendlich überrascht, dass es sehr viel einfacher war, als ich es mir vorgestellt hatte. Klar, hier und da ist es schwierig, zum Beispiel an Flughäfen. Aber wenn man organisiert ist, geht das schon.

BB: Du trainierst ja wahrscheinlich zu 99 Prozent auf dem Rennrad. Fährst du zwischendurch vielleicht trotzdem noch mal „heimlich“ Mountainbike?

Ich fahre sehr gerne Mountainbike. In der Saison ist es natürlich etwas schwierig, aber im Winter habe ich meinem Trainer direkt gesagt, dass ich gern zweimal die Woche Mountainbike fahren möchte.

SG: Ja, auf jeden Fall. Ich wohne ja in Freiburg, quasi im Mountainbike-Paradies. Hier gibt es richtig gute Trails und einen Mountainbike-Verein, der sich voll reinhängt und die Trails in Schuss hält. Ich fahre sehr gerne Mountainbike, hab mir vor ein paar Jahren extra ein schönes Fully gekauft. In der Saison ist es natürlich etwas schwierig, aber im Winter habe ich meinem Trainer direkt gesagt, dass ich gern zweimal die Woche Mountainbike fahren möchte. Der steht auch voll dahinter. Man muss nur immer ein bisschen aufpassen, dass man es nicht übertreibt. Wie gesagt: Es gibt schöne Trails hier, die aber auch dazu einladen, es laufen zu lassen. Ich sollte mich also besser nicht ständig überschlagen und mir im Training was brechen. Dann würde mir das Team sicher nahelegen, doch mal lieber mehr auf der Straße zu fahren.

Simon Geschke im Anstieg mit viel Schnee
(c) corvos

BB: Wie sieht das eigentlich vor, beziehungsweise nach dem Training aus: Könntest du dein Rad auch selber warten?

SG: Kommt drauf an, wie gut es werden soll. Ich bin echt nicht so der Mechaniker. Mein Vater hatte früher einen Radladen und hat mir da immer viel abgenommen. Klar kann ich selbst ein paar Sachen machen, aber da bin ich wirklich nicht so der Profi. Ich könnte schon ‘ne Kette wechseln, aber meistens lasse ich es lieber machen. Dann fühle ich mich auch sicherer, als wenn ich da selbst dran rumbastel. Das Gute ist ja, dass wir jedes Jahr ein neues Rad bekommen. Da ist nicht so viel mit Wartung. [lacht] Höchstens mal Bremsbeläge wechseln.

BB: Wobei das ja bei Scheibenbremsen etwas schwieriger ist…

SG: Ja, aber wir haben noch Felgenbremsen. Ich denke das bleibt auch noch so. Ich denke das Team will es noch so lange wie möglich rauszögern, weil der Radwechsel einfach mit normalen Bremsen schneller geht. Und sie sind ein bisschen leichter. Außerdem können Teamkollegen untereinander besser tauschen, ohne dass man viel Gefummel hat, weil zum Beispiel die Scheibe schleift. Das ist bei den Klassikern schon ein Vorteil.

BB: Kommen wir zur letzten Frage: Dein Markenzeichen ist ja der Bart. Und wir fragen uns: Warum gibt es so wenig Profis, die einen Bart tragen?

SG: Ich weiß auch nicht, gute Frage. Da müsste ich wohl mal rumfragen [lacht]. Vielleicht ist es dieses Rennradfahrer-Image, gepflegt aussehen zu müssen. So ähnlich ist es mit Tattoos. Hier und da sieht man mal ein kleines, aber sicher nicht so großflächig, wie zum Beispiel im Fußball.

BB: Simon, vielen Dank für deine Zeit und das ausführliche Gespräch. Viel Erfolg und Glück in den kommenden drei Wochen.


Wenn Ihr Simon „anfeuern“ wollt: Die große Frankreich Tour wird auch in diesem Jahr wieder live auf der Internetseite der Sportschau übertragen.