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Rennradtour mit Cannondale Rädern
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Tour Tech – Profis endlich auf Amateurniveau unterwegs!

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Tour Tech – Profis endlich auf Amateurniveau unterwegs!

Scheibenbremsen und breite Tubelessreifen: Die Profis bei der Tour können sich endlich an Technik erfreuen, die für normale Menschen seit Jahren selbstverständlich ist.

Brügelmann Blog 12. Juli 2019 5 min.

Seit eh und je ist die seit ein paar Tagen laufende Frankreich-Rundfahrt der Goldstandard für Rennräder gewesen. Hersteller boten fast ausschließlich Modelle an, die den dort gefahrenen Maschinen glichen. Rahmen mit hyperaggressiver Renngeometrie, straff abgestimmte Übersetzungen und schmale Reifen waren für Rennräder nicht nur normal – sie definierten diese Radgattung über Jahrzehnte. Das war teilweise unkomfortabel und für Amateur*innen auch nicht besonders effizient, aber anderes Material gab es schlicht und ergreifend nicht. Mit dem Endurance-Rennrad wurde vor ca. zehn Jahren ein Rad geschaffen, das den Bedürfnissen „normaler“ Menschen gerecht wurde. Seitdem kann man ohne zu lügen behaupten, dass im traditionell eher konservativen professionellen Peloton weiter auf veraltetes Material gesetzt wurde, während Amateur*innen ohne Einschränkungen die Fortschritte moderner Rennradtechnik genießen konnten. Die Profis können sich allerdings freuen, denn seit kurzer Zeit hat ein Umdenken stattgefunden.

Rennradtour mit Cannondale Rädern
Im Alltag schon längst angekommen, im professionellen Peloton noch eine Seltenheit: Breite Reifen und Scheibenbremsen Foto: Cannondale

Scheibenbremsen – Kleinliches Hickhack statt rationaler Argumente

Anhand von Scheibenbremsen kann man am besten sehen, wie konservativ es im professionellen Peloton zugeht. Natürlich herrschen dort andere Bedingungen als auf der Feierabendrunde und die Diskussion um die Vor- und Nachteile von Scheibenbremsen soll hier nicht erneut aufgerollt werden. Nichtsdestotrotz wurde das gefühlt ewig währende Hickhack zwischen UCI, Fahrergewerkschaft, Teams und Herstellern mehr von sensationslüsternen Instagramposts bestimmt als von nüchternen Argumenten und keine der beteiligten Organisationen lieferte ein gutes Bild ab. Folglich waren für Profis Scheibenbremsen noch strikt verboten, als sie für viele Rennradfahrer*innen längst eine Bereicherung des Alltags geworden waren.

Cube Agree C:62 im Hochgebirge
Ein modernes Endurance-Rennrad wie das hier abgebildete Cube Agree C:62 ist ohne Scheibenbremsen nicht mehr vorstellbar. Foto: Cube/Ronny Kiaulehn

Tubelessreifen – Die ersten Siege sind schon eingefahren

Bis letztes Jahr waren bis auf kurze Versuche alle professionellen Teams auf Schlauchreifen unterwegs. Logistisch betrachtet sind die aufgeklebten Schlauchreifen ein Alptraum für die Teams, die eine locker dreistellige Anzahl von Laufradsätzen verwalten müssen und keine Chance haben, bei Bedarf mal schnell einen Reifen zu tauschen. Da kommt es schon mal vor, dass die Mechaniker*innen vor Saisonbeginn tagelang in den Ausdünstungen des Klebers stehen, mit dem die Schlauchreifen auf die Felgen geklebt werden. Mit der Einigung auf einen verbindlichen Standard für Tubelessreifen erscheinen die Prognosen von Industrieschwergewichten, dass in wenigen Jahren das gesamte Peloton schlauchlos unterwegs sein wird, als nicht mehr allzu gewagt. Erste Tests liefen bereits überaus erfolgreich, wie Alexander Kristoff (der Gent-Wevelgem im Massensprint gewann) oder Kasia Niewiadoma (die im Amstel Gold Race alleine über die Ziellinie rollte) bestätigen können. Auch im Mannschaftszeitfahren jetzt am Wochenende in Brüssel wurden diverse Räder mit Tubelessreifen gesichtet. Bis Teams und Ausrüster allerdings vollständig umgestiegen sind, können Freizeitfahrer*innen jetzt schon die Pannensicherheit und das bessere Fahrgefühl für sich ausnutzen.

Kasia Niewiedoma gewinnt das Amstel Gold Race 2019
Kasia Niewiadoma gewann das Amstel Gold Race 2019 mit einer gewagten Soloattacke am Cauberg auf 28 mm breiten Schwalbe Pro One Reifen, die tubeless installiert waren. Foto: Schwalbe/Velofocus

Klassische Rennradreifen für den Tubelesseinsatz

Breite Reifen – Fahren wie auf kleinen Wölkchen

Die uralte Binsenweisheit „Je schmaler der Reifen und je höher der Druck, desto niedriger der Rollwiderstand“ ist inzwischen gründlichst entkräftet worden. Auch im Peloton setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass es nicht der auf 10 bar aufgepumpte 23 mm-Reifen sein muss. Breitere Reifen mit weniger Druck sind nicht nur komfortabler, sondern rollen tatsächlich auch schneller, wie diverse Untersuchungen gezeigt haben. Als neue Standardgröße haben sich 25 mm-Reifen inzwischen etabliert. Bei Rennen auf schlechterem Untergrund (wie den Frühlingsklassikern) nutzen die Teams inzwischen Reifen bis zu 30 mm Breite.

Mit diesen Reifenbreiten kommt man an die Grenzen von Felgenbremsen, die am Rennrad im besten Fall für 28 mm breite Reifen ausgelegt sind. Die fortschreitende Verbreitung von Scheibenbremsen dürfte die Vorherrschaft breiterer Reifen zementieren.

30 mm breiter Schwalbe G-One Speed
30 Millimeter breite Reifen mit einem sehr ähnlichen Profil wurden in den letzten beiden Jahren bereits in den Kopfsteinpflasterklassikern eingesetzt.

Bergtaugliche Übersetzungen – Spin to win!

Das jahrelange Duell von Jan Ullrich und Lance Armstrong war eine der großen Rivalitäten des Sports, woran auch die nachträglichen Dopinggeständnisse wenig ändern. „Der Kaiser“ hat dieses Duell nicht nur in sportlicher Hinsicht fast immer verloren. Auch sein  Stil, sich mit einem dicken Gang und sehr niedriger Trittfrequenz die Berge hochzuwuchten, gilt inzwischen als überholt. Eine der wenigen Errungenschaften, die Lance Armstrong bis heute noch nicht aberkannt wurden, ist sein Fahrstil, der auf für die damalige Zeit extrem hohen Trittfrequenzen basierte. Heutzutage ist dieser Stil normal und man findet Kassetten mit breiterem Spektrum, die früher bestenfalls zu den teuflisch steilen Bergankünften der Vuelta angebaut wurden, standardmäßig an Profirädern. Das schont nicht nur die Beine im Anstieg, sondern bereitet auch den Mechaniker*innen weniger Arbeit.

Shimano 11-28 Kassette an einem Cannondale CAAD9
Für Profis seit Neuestem auch akzeptabel – Kassetten mit Ritzeln, die mehr als 23 Zähne haben. Mit so einer dreckigen Kette sollte man sich im Rennen allerdings nicht an den Start trauen.

Schutzbleche –  Funktion vor gutem Aussehen

Fest angebaute Schutzbleche sind Bestandteil vieler Wintertrainingsräder, an normalen Rennrädern jedoch verpönt. Dabei können sie bis weit in den Frühling hinein sehr nützlich sein – die erste Woche des diesjährigen Giro d’Italia ging beispielsweise komplett im Regen unter. Ungeschriebene Gesetze verboten trotzdem lange Zeit, irgendeine Form von angebautem Regenschutz im Rennen mit sich zu führen. Die Zeiten ändern sich aber: Nicht erst, seitdem Vincenzo Nibali 2018 Mailand – Sanremo mit einer tollkühnen Attacke für sich entscheiden konnte und dabei ein kleines Ansteckschutzblech seinen Hintern trocken hielt, sieht man die kleinen Plastikhelferlein aber immer häufiger. Keine Frage: Ein trockeneres Sitzpolster fühlt sich besser an als die Überzeugung, ungeschriebene Gesetze befolgt zu haben.

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Verschiedene Varianten von Regenschutz

Fazit: Komfortabler, sicherer – und schneller!

Rennräder sind in den letzten Jahren immer alltagstauglicher geworden. Mit der Untergattung der Gravelbikes sind sie inzwischen auch auf Touren abseits befestigter Straßen eine sehr vielseitige Alternative. Trotzdem veränderten sich die Maschinen des Profipelotons seit der flächendeckenden Einführung von Carbonrahmen nur sehr wenig und blieben knüppelharte Rennmaschinen mit (teilweise) beängstigend schlechter Bremswirkung. Mit den technischen Neuerungen, die schon seit Jahren von Amateur*innen eingesetzt werden, werden diese Räder nicht nur komfortabler, sondern auch sicherer und am Ende noch schneller! Das Spektakel und die unglaublichen Geschwindigkeiten, mit denen das Peloton auch diesen Sommer die Straßen Frankreichs entlangrast, bleiben uns also erhalten.