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Ein Radjournal von Brügelmann

Bergauf Schieben beim Munich Supercross 2018
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Premiere beim Munich Supercross 2018 – Ein Onboard-Rennbericht

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Premiere beim Munich Supercross 2018 – Ein Onboard-Rennbericht

Bei echtem Crosswetter gab es Stürze, Schlamm und wilde Überholmanöver.

Brügelmann Blog 25. Oktober 2019 9 min.

Schon immer hatte er damit geliebäugelt: Dreck, Geschwindigkeit, Hinfallen und Aufstehen, Kampf und Chaos. So richtig getraut hat sich unser Autor und erklärter Triathlet aber nicht – das sollte sich vor genau einem Jahr beim Munich Supercross ändern. Aufgepeitscht von YouTube-Videos und dem inneren Kind bestritt er unter allerbesten Schlechtwetterbedingungen sein erstes richtiges Cyclocross Rennen und nimmt uns im folgenden Artikel einfach mit auf die Rennrunden.

Wir dürfen die Antwort auf die wichtigste Frage vorwegnehmen? Nein, es wurde nicht sein letzter Ausflug in die Querfeldein-Rennszene. Auch am kommenden Wochenende steht er im Münchner Olympiapark wieder am Start.

Startbereich beim Munich Supercross 2018
Richtig nass und richtig kalt. Erst ganz kurz vor dem Start versammelten sich alle Teilnehmer*innen an der Startlinie.

Regen, ungefähr vier Grad über Null, immerhin kein Wind. Die Bedingungen kurz vor dem Start zu meinem ersten Cyclocross-Rennen könnten nicht schlechter sein. Oder nicht besser? Denn immerhin war die Strecke durch den Niederschlag und die vorherigen Befahrungen ordentlich schlammig. Noch nicht so, dass man fürchten muss, irgendwo stecken zu bleiben, aber eben doch schlammig genug, dass vorher klar ist, wie man hinterher aussehen wird. Erstmal muss ich aber alle Vorbereitungen treffen, das heißt Startunterlagen abholen, Nummern anbringen und noch eine Waffel am Cannondale-Stand futtern. Mein Rennen werde ich nämlich mit dem SuperX bestreiten, Cannondales Crosser.

Ich bin froh, dass ich mein Startnummernband, welches ich vom Triathlon und verschiedenen Laufveranstaltungen kenne, zu Hause vergessen habe. Denn wie sich herausstellt, wäre das ziemlich peinlich gewesen, weil sonst niemand so ein Ding benutzt. So durchbohre ich mit zitternden Händen und Sicherheitsnadeln mein Trikot und nach nur zehn Minuten sind die Nummern auch „schon“ dran. Zu meiner Überraschung kommen weder ans Rad selbst noch an den Helm irgendwelche Etiketten.

Startnummern Munich Supercross 2018
Die Startnummern müssen nur am Trikot befestigt werden. Nicht die letzte Erkenntnis an diesem Tag.

Dann muss ich mich auch schon etwas beeilen. Ich stehe noch nicht am Start und bin auch noch nicht warm gefahren. Ganz im Gegenteil, ich bin steif vor Kälte und immer noch am Cannondale-Stand. In 15 Minuten sollte sich beides geändert haben. Also setze ich mich der Bewegung und dem nun doch windigen, harschen Wetter aus. Drei Runden düse ich zum Warmfahren durch den Olympiapark und versuche mich, aber vor allem meine Muskulatur, irgendwie in Schwung zu bekommen. Das klappt allerdings in der Kürze der Zeit nur so mittelmäßig. Also geht es gemütlich zum Start, wo bereits ein paar andere frierende Menschen warten. Aufgrund meiner Unerfahrenheit ordne ich mich ehrfürchtig weiter hinten ein. An letzter Position stehe ich zwar nicht, aber auch nicht deutlich davor. Erstmal gucken, was die anderen so machen, außer frieren.

Middle of the pack: Für mich war dies in der Tat die beste Ausgangslage beim Start.

Dann gehts los! Ohne Startschuss, dafür mit viel Speed. Durch meine überraschend geringfügige Aufregung traue ich mich, am Feld dranzubleiben, immerhin geht es bergab, das kann ich gut! Dann geht es bergauf, nur ganz kurz, aber dahinter kommt gleich eine scharfe Kurve, gefolgt von einer matschigen Abfahrt und einer Kopfsteinpflasterkante und gleich dann schon wieder ein Aufstieg. Das geht mir alles zu schnell! Doch während ich das denke, gehts schon wieder runter, auf einer Art riesigen Stufen aus Modder, der früher mal Gras war. Das Feld ist jetzt schonmal weg, nur ein paar Einzelkämpfer holpern über den Dreck. Gut, dass wenigstens noch einer vor mir ist, bei dem ich mir abgucken kann, wie es geht. Also fahren wir nun auf die Zick-Zack Kurve mit Anstieg zu, er steigt ab, läuft hoch, schmeißt sich wieder aufs Rad und rollt runter. Ich steige ab – leider auf die falsche Art – bleibe kurz stehen und rutsche mehrmals beim Nach-oben-Laufen weg. Oben angekommen – ich schmeiße mich aufs Rad und rolle runter. Dann wird mir bewusst: Meine Füße baumeln in der Luft und sind nicht mit den Pedalen verbunden. Da hilft auch das Lenken nichts mehr. Ich packe mich mächtig auf die rechte Seite und gleite auf der braunen Schlammwelle nach unten.

Cyclocrosser beim Munich Supercross 2018
Fokussiert und nass, ging es dann endlich los

Unten angekommen blicke ich mich um: Ich bin noch nicht Letzter! Jetzt muss ich alles geben, damit das so bleibt. Also los. Ich kann gut beschleunigen, das heißt bei mir und am Rad ist nichts kaputt. Dann kommen zwei richtige Hürden auf mich zu. Ich erinnere mich an den Workshop vom Vormittag und komme echt gut vom Rad und über die Holzbarrieren. Dann ein Anstieg von etwa 30 Prozent. Hochsprinten, aufspringen, einklicken, check. Läuft doch jetzt gar nicht so schlecht. Mittlerweile habe ich mich auch schon wieder dem vor mir Fahrenden angenähert. Nun kommt wieder diese Passage mit den kurzen Anstiegen, kleinen Senken und meinem ersten Überholmanöver. Ich traue mich an einer Stelle, einfach mal nicht (wie mein Kontrahent) abzusteigen, sondern ordentlich durchzuziehen und schwebe so an ihm vorbei. Das gibt Aufwind. Jetzt sehe ich schon den nächsten, den hol ich mir!

Cyclocrosser beim Munich Supercross 2018
Eigentlich nur wenige Meter vor mir, aber trotzdem unerreichbar. Wenn vor dir einer ist, dann willst du ihn auch kriegen.

Jetzt kommt wieder der Vorteil zum Tragen, dass ich sehe, was der Fahrer vor mir macht und dementsprechend weniger überrascht werde von Details. Denn so kann ich die zehn Zentimeter hohe Bordsteinkante leicht erkennen. Der nächste durchgetretene Anstieg – er wirkt fast, als würde ich eine Wand hochlaufen. Gerade oben angekommen und eingeklickt, sehe ich die gleiche „Wand“ vor mir, nur eben bergab. Noch ehe ich genau verstehe was gerade passiert, klicke ich mich rechts aus und segle die braune Matsche-Pampe wieder nach unten. Wahnsinn, das Gefühl, wenn man unten ankommt, schneller als der vor mir Fahrende! Nach einem weiteren kurzen Straßenabschnitt und einem weiteren kurzen Anstieg gehts hoch in den Sitzbereich des Olympiastadions. Dann kurvig wieder nach unten, direkt zu auf den Endgegner.

Cyclocrosser im Olympiastadion beim Munich Supercross 2018
Sogar durch das Olympiastadion durften wir kurz düsen. Es ist immer die letzte Bergaufpassage jeder Runde und raubt die letzten Kräfte.

Schon als ich mir die anderen Rennen vorher angesehen hatte, bekam ich Angst vor dieser Stelle. Denn dort gibt es genau drei verschiedene Szenarien: 1.) Die Zick-Zack-Schräge hochfahren, am Scheitelpunkt wegrutschen und das Ganze wieder nach unten schlittern, während das Fahrrad auf einem liegt. 2.) Vorher absteigen, zum Scheitel kraxeln, wegrutschen und das Ganze, das Fahrrad auf einem liegend, wieder nach unten schlittern oder 3.) Komplett durchziehen, um an die oberen, noch mit Gras bedeckten Stellen zu gelangen, wo man nicht wegrutscht und mehr oder weniger sicher wieder unten ankommt. Um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, entscheide ich mich todesmutig für Variante drei. So kann ich einen weiteren Platz gut machen und bekomme keine weitere Schlammpackung. Dann noch die letzte 180-Grad-Kurve und die erste Runde ist vorbei.

Fahrrad schieben beim Munich Supercross 2018
Kurz nach dem ersten und einzigen Sturz, konnte ich schon wieder lachen. Eigentlich musste ich sogar die ganze Zeit grinsen.

In der zweiten Runde traue ich mich nun schon ein bisschen mehr. Die Anstiege fahre ich knackiger hoch, allerdings immer noch ängstlich runter. Die Stufen, das weiß ich jetzt, komme ich ebenfalls ohne zu rutschen runter und ohne abzusteigen hoch. Nur die Stelle, an der ich mich in der ersten Runde lang gemacht hatte, weiß ich noch nicht so recht zu nehmen. Nochmal renne ich hoch, schwinge mich oben auf und rutsche weg. Gestützt auf Fahrrad und rechtes Bein gleite ich so nach unten. Mit dieser „Technik“ verliere ich allerdings zwei Plätze. Vor allem, um einem Gerangel aus dem Weg zu gehen, lasse ich die Beiden passieren. Der Mittelteil klappt dann auch schon deutlich besser, dementsprechend steigt das Selbstbewusstsein. Groß zum Nachdenken komme ich nicht, doch als ich mich mal umschaue, sehe ich niemanden. Weder vor mir noch nach mir, keiner auf der Strecke. Spaß machen die letzten Anstiege und Kurven trotzdem und als ich die heikle Stelle kurz vorm Ende quasi überrenne, sehe ich auf der Zielgeraden dann doch wieder ein paar andere, eingesaute Radfahrer.

Bergauf Schieben beim Munich Supercross 2018
Zwischendurch war ich auch manchmal ganz allein auf der Strecke. Das hat seine Vor- und Nachteile.

Ob ich wirklich letzter bin, weiß ich längst nicht mehr, aber die beiden vor mir will ich trotzdem überholen. Auf schwierigen und engen Streckenabschnitten komme ich ruckzuck an die beiden ran. Wenn die Strecke allerdings ein paar Sprints hergibt, falle ich zurück. Doch irgendwie schaffe ich es, mich ranzukämpfen. Den ersten schnappe ich mir an der Wand nach den beiden Hürden. Meine Lauferfahrung und meine Fußballerwaden helfen mir, mich vor ihm den Berg hochzukämpfen. Oben aufgesprungen versuche ich den hinter mir abzuhängen und dabei den vor mir nicht entkommen zu lassen. Diese Taktik wirkt.

Bei der schlammwandigen Downhill-Passage traue ich mich dann ein Manöver, welches subjektiv betrachtet der reine Wahnsinn ist: Rechts ausgeklickt, schlittern wir fast nebeneinander den Hang hinab. Er ist auf der besseren, der Innenseite. Trotzdem, ich löse die Bremse mehr als es vernünftig ist und nehme Speed auf. Nur ganz kurz, dann ziehe ich den Bremshebel wieder voll durch. Mit diesem Mehr an Drift bin ich an ihm vorbei. Nun gilt es, den im Boden verankerten Holzstab nicht zu touchieren. Mit einer ballerinagleichen Bewegung gelingt mir dies. Ich komme im allerletzten Außenbereich des Wegbegrenzers mit genügend Schwung an, um mich gleich wieder aufs Rad zu werfen. Diesen Vorsprung kann ich bis in den Zielbereich retten.

Cyclocrosser beim Munich Supercross 2018
Egal ob man um den ersten oder vorletzten Platz kämpft: Es hat sich angefühlt, als wäre ich wieder neun Jahre alt.

Letzte Runde. Langsam weiß ich Bescheid. Langsam wird die Strecke aber auch immer schwerer zu befahren und einzuschätzen. Ich knalle jetzt die Anstiege richtig hart hoch. Na gut: Mit dem Rest meiner Kraft versuche ich, so schnell es geht, die Hügel hochzufahren. Aber trotzdem, ich fühle mich jetzt schon ziemlich gut vertraut mit dem Ganzen hier. Die Hüfte schmerzt, die Beine brennen. Besonders das Erklimmen zu Fuß kostet jetzt richtig Körner. Einmal rutsche ich aus und knalle mir den Unterlenker mitten in die Brust. Kurze Atempause, weiter, beißen. Die Schlammabfahrten machen durch das gewonnene Selbstvertrauen mittlerweile sogar richtig Spaß. Jetzt merke ich, dass die Strecke offenbar schon wieder für andere zum Trainieren freigegeben ist, denn am Ende der Rutschpartie steht einer und wartet auf seinen Kumpel, der noch oben steht. Ich bemerke ihm gegenüber, dass er sich die denkbar schlechteste Stelle zum Warten ausgesucht hat. Dann noch zuletzt den „Todes-Zick-Zack“ (easy) und ich tauche durchs Ziel.

Zieleinfahrt Munich Supercross 2018
Nach dem vierten Mal rollte ich als 22. von insgesamt 28 Teilnehmern über die Ziellinie. Für mich absolut ein Erfolg.

Wow. Ich habe im Verlauf der letzten zehn Jahre an vielen verschiedenen Wettkämpfen teilgenommen. Zu Wasser, zu Fuß, auf dem Rad und alles zusammen. Nichts ist für mich vergleichbar mit einem Cyclocrossrennen. Es gehört einfach so viel zu diesem Sport: Taktik, Technik, Tohuwabohu und ein totaler Adrenalinrausch. Für mich bleibt nach diesen knapp 40 Minuten die Lust auf mehr: mehr Dreck, mehr Herausforderung und mehr pure Freude. Mein Ziel, nicht Letzter zu werden, konnte ich mit Platz 22 von insgesamt 28 Fahrern auch noch mehr als erfüllen. Munich Supercross, wir sehen uns im nächsten Jahr!

Hochdruckreiniger beim Munich Supercross
Der Spaß hört auch nach dem Rennen nicht auf